Zusammenfassung
Die moderne Ernährungsmedizin hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und fokussiert sich nicht mehr primär auf die reine Gewichtsreduktion, sondern auf einen ganzheitlichen Ansatz. Heute verstehen wir die Ernährungsmedizin als eine evidenzbasierte Säule der Patientenversorgung, die sowohl in der Primärprävention als auch im Management chronischer Erkrankungen eine Schlüsselrolle spielt. Ziel ist es, biochemische Prozesse im Körper durch die Nährstoffzufuhr gezielt zu beeinflussen, Entzündungswerte zu senken und die metabolische Gesundheit wiederherzustellen. Die therapeutischen Ansätze sind dabei so vielfältig wie die Krankheitsbilder selbst.
- Spezifische Diäten: Gezielte Kostformen zur Behandlung klinischer Krankheitsbilder
- Fasten: Therapeutisches Fasten oder zeitlich begrenztes Essen mit dem Ziel, die Autophagie („zelluläre Müllabfuhr“) zu aktivieren
- Spezifische Ernährungsformen: Langfristige Ernährungsmuster, die die Prognose maßgeblich bestimmen
Eine erfolgreiche Ernährungstherapie ist niemals statisch, sondern erfordert eine kontinuierliche Anpassung an die individuelle Stoffwechsellage der Person und muss stets auf dem Fundament aktueller wissenschaftlicher Leitlinien stehen!
Für weitere Informationen, siehe auch: Ernährung: Grundlagen, Empfehlungen und Umweltaspekte und Ernährung im Kindes- und Jugendalter
Diäten und Ernährungsformen
Bircher-Benner-Diät
- Ursprüngliche Form der Vollwerternährung (nach Kollath und Bircher-Benner )
- Kern der Theorie: Annahme, dass durch die industrielle Verarbeitung von Lebensmittelrohstoffen der Gehalt an essenziellen Nahrungsinhaltsstoffen und somit die Wertigkeit abnimmt
- Ziele
- Prävention
- Therapeutischer Nutzen u.a. bei Rheuma, Gicht, Lebererkrankungen und Verdauungsstörungen
- Durchführung: Roh- und Vollwertkost
- Frisches Obst, Gemüse, Nüsse und Vollkornprodukte, insb. als Bircher-Müsli
- Zusätzlich in kleinem Umfang Milchprodukte und schonend gekochtes Gemüse
- Meiden von Fleisch und stark verarbeiteten Lebensmitteln
- Trinken: Möglichst nicht während, sondern zwischen den Mahlzeiten, um Verdauungssäfte nicht zu verdünnen
- Abendmahlzeit: So einfach, so leicht und so früh wie möglich
- Evidenz: Moderne Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sind denen der Vollwerternährung sehr ähnlich
Glyx-Diät [1][2]
- Prinzip: Bevorzugter Verzehr von Nahrungsmitteln mit niedrigem glykämischem Index
- Glykämischer Index („Glyx“): Blutzuckerwirksamkeit verschiedener Nahrungsmittel im Vergleich zu reiner Glucose
- Evidenz: Wissenschaftlich umstritten
Detox-Diät [3]
- Prinzip: Ernährungsform mit dem Ziel, den Körper zu „entgiften“ oder zu „entschlacken“
- Umsetzung: Häufig Fasten, Säfte oder spezielle Nahrungsergänzungsmittel
- Evidenz: Konzept der „Entschlackung“ wissenschaftlich sehr umstritten und nicht evidenzbasiert
Fasten
Definition
- Freiwilliger Verzicht auf bestimmte oder alle Nahrungsmittel und/oder Getränke
Auswirkungen des Fastens [4][5][6][7]
- Autophagie
- Abbau von Leber- und viszeralem Fett mit Verbesserung der Insulinempfindlichkeit, bspw. HOMA-IR-Reduktion [8][9]
- Produktion von Ketonkörpern
- Verbesserung der Darmmikrobiota-Diversität [10][11][12][13][14]
- Antiinflammatorischer Effekt
- Hormesis, u.a. Mitochondrien- und Stammzellbildung [15][16]
- Erfahrung von Selbstwirksamkeit [17]
Indikationen u.a. [5][6][18][19]
- Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen [20]
- Metabolisches Syndrom [14][17][21][22][23]
- Adipositas [24][25]
- Hyperlipidämie [26]
- Diabetes mellitus Typ 2 [21][22][27]
- NAFLD [8][28]
- Kardiovaskuläre Erkrankungen [20][29][30]
- Arterielle Hypertonie [14][31][32][33]
- Koronare Herzkrankheit [34][35]
- Herzinsuffizienz [36]
- Arteriosklerose [26][37]
- Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes
- Rheumatoide Arthritis [38][39][40]
- Degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates [41][42]
- Chronisches Schmerzsyndrom [43][44][45]
- Fibromyalgie [46][47]
- Prävention [48]
Kontraindikationen u.a.
- Untergewicht
- Essstörungen in der Anamnese
- Einige psychiatrische Erkrankungen, abhängig vom Schweregrad
Ein therapeutisches Fasten muss bei bestehenden Vorerkrankungen ärztlich begleitet, Medikamente müssen entsprechend angepasst werden!
Bei therapeutischem Fasten müssen Diuretika i.d.R. pausiert werden, da sonst das Risiko einer schweren Hyponatriämie besteht!
Varianten
Heilfasten nach Buchinger [18][49]
- Durchführung
- Entlastungskost
- Darmreinigung durch Einnahme von Glaubersalz
- Fastenphase über ca. 7–10 Tage mit 250–500 kcal/d
- Keine feste Nahrung, täglich mindestens 2,5 L Flüssigkeit (stilles Wasser, Kräutertee)
- Kleine Mengen an Gemüsebrühe, verdünnten Säften und Honig
- Schrittweise Kostaufbauphase
- Indikationen u.a.
- Metabolisches Syndrom
- Rheumatische Erkrankungen
- Adipositas
- Arterielle Hypertonie
- Diabetes mellitus Typ 2
- Funktionelle gastrointestinale Beschwerden
- Chronische Schmerzzustände
- Kontraindikationen u.a.
- Dekompensierte Herzinsuffizienz
- Schwere Leber- oder Niereninsuffizienz
- Fortgeschrittene Kachexie
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Akute Infektionen
- Instabile psychiatrische Erkrankungen oder Essstörungen, insb. Anorexia nervosa
- Höhergradige Elektrolytstörungen oder metabolische Entgleisungen
- Insulinpflichtiger Diabetes mellitus Typ 1
- Komplikationen u.a.
- Elektrolytstörungen
- Hypoglykämien
- Euglykämische Ketoazidose
- Evidenz: Signifikante Reduktion von Körpergewicht, Bauchumfang, Blutdruck und Blutfetten sowie Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Wohlbefindens in Beobachtungsstudien und kleineren randomisierten Studien
Intervallfasten [4][10][18][50][51]
- Durchführung: Anders als bei vielen anderen Fastenvarianten als dauerhafte Ernährungsform (bzw. -umstellung) gedacht
- Tageweise
- Stundenweise
- Evidenz
- Reduktion von Körpergewicht
- Förderung der Zellerneuerung (Autophagie), Verbesserung des Darmmikrobioms und antiinflammatorische Effekte
Mayr-Kur [18]
- Ziel: Regeneration und „Entschlackung“ des Verdauungssystems
- Durchführung
- Evidenz: Keine hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien, wissenschaftlich umstritten
Schroth-Kur [18]
- Durchführung
- Vegetarische kohlenhydratreiche und proteinarme Kost
- Wechsel zwischen Trinktagen (erhöhte Flüssigkeitszufuhr) und Trockentagen (reduzierte Flüssigkeitszufuhr)
- Warme Umschläge
- Evidenz: Keine hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien, wissenschaftlich umstritten